Das Leben ist ein gnadenloses Arschloch ....
- vor 6 Tagen
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Man bekommt ja irgendwie ständig Aufgaben vom Leben gestellt und manchmal stelle ich mir vor, dass das Leben eine Figur ist – mit zwei Köpfen. Der eine schenkt dir wundervolle Ereignisse und Erfahrungen und der andere kommt sich offensichtlich unfassbar gut dabei vor, dich vor Aufgaben und Prüfungen zu stellen, bei denen du dir nur denkst: „Toll, und jetzt?“
Und die Figur lacht sich scheckig, während du das 18. Taschentuch nimmst, um dir die Schweißperlen von der Stirn zu tupfen. Kennt ihr das?
Wir haben ja persönlich irgendwie ein Abo auf Arschkarten, zumindest vermute ich das, aber momentan habe ich das Gefühl, als hätten wir eine „+4“-Karte gezogen, wie bei UNO. Wer weiß, wo und wie man die abbestellen kann, der darf sich gerne melden.
Aber der Reihe nach, was ist eigentlich passiert?
Nun ja, letztes Jahr hat meine Frau sich eine Tibiafraktur zugezogen. Natürlich, wie sollte es auch anders sein, pünktlich zu den Sommerferien. Da erkennt dann auch der letzte Idiot die Sinnhaftigkeit von Reiserücktrittsversicherungen. Und wer denkt, dafür braucht es einen spektakulären Vorgang, der irrt gewaltig. Letztlich ist sie eigentlich nur mit dem Fahrrad zur Seite umgefallen. Mehr nicht.
Nun gut. Sommerferien 2025 im Eimer. Es ist, wie es ist.
Ich habe dann versucht, dieses wunderschöne Fahrrad zu fahren, aber ich wohne im Harz, nicht im Flachland, und egal, wo ich hin wollte, es ist bergig. Schaffe ich nicht, denn ich bin einfach unsportlich und faul geworden. Also Fahrrad verkauft.
Für meine Frau war Fahrradfahren ja nun erledigt, denn, wie sagte uns jemand hoch motiviert: „Knie heilt nie.“ Wunderbar ... das möchte man hören.
Aber es ist die Wahrheit, denn zur Verletzung an sich haben sich zusätzlich die verbaute Platte und die Schrauben im Knie gelockert und sie müssen raus – früher als gedacht. Fabi braucht also einen OP-Termin.
So weit, so gut.
Zum Winter kam der Wunsch auf, Roller zu fahren, was man im Winter halt so macht, um zur Arbeit zu kommen. Aus einem Roller wurden schnell drei. Durch einen „Mangel“ kamen Situationen zustande, sodass im Prinzip „3 zum Preis von einem“ daraus wurden und Fabi bekam Spaß am Schrauben, Lackieren und Basteln ... zumindest bis Freitag.
Kein besonderer Tag. Fabi Nachtschicht, fährt los, ich habe eine Einladung zum Grillen.
Da ich dazu neige, bei Mitbringseln zu übertreiben, stehe ich also auf, ziemlich früh, backe Focaccia und mache Dips. Fange dann an zu arbeiten, die Frau macht sich auf den Weg zur Arbeit, ich mache mich nach Feierabend auf den Weg zum Grillen.
Ich stehe an der Ampel, das Handy klingelt und du hörst aus der Freisprechanlage folgenden Satz:
„Baby, krieg keinen Herzinfarkt, ich hatte einen Unfall, habe einen offenen Bruch, habe wahrscheinlich gleich eine Not-OP.“
Okay ...
Gut ...
Oder auch nicht gut.
Ich weiß nicht, wie meine Leser reagieren, aber ich schalte bei sowas sofort in einen reinen Funktionsmodus, Lichtjahre von Panik entfernt.
Nach Fragen wie: „Wo bist du? In welches Krankenhaus? Was brauchst du von mir?“ und Antworten wie: „Im RTW, wahrscheinlich Lebenstedt. Bleib zu Hause und kümmere dich um alles.“
Ich bin dann tatsächlich erstmal zum Grillen gefahren.
Für mich persönlich völlig in Ordnung, denn ich bin da wirklich pragmatisch und Stress machen ohne Informationen bringt ja mal so niemandem etwas. Der Kopf war natürlich trotzdem zur Hälfte woanders, aber alleine zu Hause auf Informationen warten hätte mich die Wände hochgehen lassen.
Aber jeder Abend geht irgendwann zu Ende und irgendwann muss man halt nach Hause, wo niemand ist.
Kind bei Papa, Frau in der Not-OP ...
Ganz großes Kino.
Ihr glaubt doch wohl nicht, dass das Krankenhaus mal angerufen hat. Welch utopische Vorstellung.
Und ich wusste ja nicht mal, in welchem sie ist.
Okay, das Rad muss sich weiterdrehen und wenn man logisch drüber nachdenkt: nachts eine Not-OP und danach wach werden und klarkommen, dauert.
Also versuche ich zu schlafen. Irgendwie.
Um 2:38 Uhr morgens der Anruf.
Du klappst die Augen auf und hörst Sachen wie:
„Doppelter offener Bruch am Unterarm, knapp gewesen, viel Blut verloren, keinen Zugang für Antibiotika gefunden, Armverlust möglich, ins Knie gebohrt für den Zugang ...“
Wie bitte?
WTF ...?!
INS KNIE GEBOHRT!!!
Absolut nicht vorstellbar.
Das erinnert irgendwie an SAW.
Aber was muss, das muss.
Wenn das der einzige Weg ist, deinen Arm zu behalten, dann bitte. Aber bei aller Liebe – erleben möchte ich das nicht.
Wie geht man mit sowas um?
Ich weiß nicht, wie andere damit umgehen, aber mir platzt der Kopf von zu viel Input auf einmal.
Ich verfalle in einen pragmatischen, aber positiven Modus.
Ich bin einfühlsam, ja, aber ich habe kein Mitleid. Das hilft einfach niemandem.
Also sage ich:
„Du LEBST. Der Kopf ist heile, der Rücken ist in Ordnung, Arme und Beine sind dran und bleiben es hoffentlich auch. Das ist das Wichtigste. Alles andere ist zweitrangig, denn zu einer Misswahl werden wir beide nicht mehr gehen. Also scheiß drauf.“
Ich bin der Inbegriff von Zynismus und Sarkasmus.
Das ist meine Art, mit sowas umzugehen.
Aber nach so einem Telefonat wieder schlafen zu gehen?
Fast unmöglich.
Irgendwann, Stunden später, fallen dann endlich die Augen wieder zu.
Aber wie das so ist, klingelt der Wecker eine Stunde später und ein neuer Tag mit der Angst vor Hiobsbotschaften geht los.
Koffer packen für die Klinik.
Ich muss arbeiten, also Transport organisieren.
Dann später eigentlich zur Klinik, aber so müde, dass ich mich nicht hinters Steuer setzen möchte, gleichzeitig der Kopf aber so voll, dass man nicht zur Ruhe kommen kann.
Ach ja, und dann ruft die Polizei an und fragt zum Unfallhergang und man hat das Gefühl, dass das Gespräch über die Unfallursache in eine bestimmte Richtung gedrückt werden soll.
Da bin ich tatsächlich sensibel und werde wirklich wütend.
Dieses Abstrafen und Verurteilen hasse ich wie die Pest. Egal bei wem und bei meiner Familie ganz besonders.
Also muss ich innerlich bis zehn zählen, weil ich schon Kreuze in den Augen habe und bemühe mich, sachlich und nett zu bleiben.
War wirklich schwer.
Aber machbar.
Ausnahmsweise.
Heute habe ich ihr Lieblingsbrot gebacken und Knoblauchbutter gemacht, noch Proteinriegel eingepackt, denn Liebe geht ja durch den Magen, sagt man.
Skyr und frische Blaubeeren dazu.
Und dann habe ich in der Klinik noch so ein paar Details erfahren.
Betäubt mit Ketamin.
Na, was für ein Trip muss das gewesen sein.
Die Hand, die aus dem Verband guckt, leuchtet noch orange von der OP und ist blutverkrustet.
Sie hat das doppelte Volumen der anderen und erinnert mich an einen kleinen Kürbis.
Aber sie läuft.
Sie lächelt.
Und sie atmet.
Was könnte wichtiger sein als das?
1000 Fragen ...
Wird es gut heilen?
Gibt es noch Komplikationen?
Wie planen wir jetzt den Sommer, ohne dass jemand vernachlässigt wird?
Was kann man draußen unternehmen?
Es musste ja auch unbedingt die Führhand sein. Alles andere wäre ja auch wirklich öde gewesen.
Fragen über Fragen und wenig Antworten.
Denn letztlich muss man ...
Richtig ...
Abwarten.
Und ich hasse das.
Ich bin wirklich null mit Geduld gesegnet.
Nicht bei sowas.
Ich baue dir ein Modellhaus in stundenlanger Sisyphusarbeit aus Zahnstochern. Kein Problem.
Aber SOWAS?
Ich hasse das.
Ich plane und organisiere und ich hasse es, wenn etwas meine Struktur kaputt macht.
Das sorgt bei mir für ein emotionales und organisatorisches Schleudertrauma.
Aber sowas schweißt auch zusammen.
Bevor wir geheiratet haben, sagte Fabi:
„Überleg dir das gut. Ich habe ständig Unfälle.“
Und ich dachte so:
Hmm ...
Du bist Mechanikerin, arbeitest mit Werkzeug, aber alle Finger dran.
So schlimm kann es ja nicht sein.
Nun ja ...
Was soll ich sagen?
Mitgehangen, mitgefangen. 😂
Ein normales Leben wäre ja zu einfach und zu langweilig, oder?
Wer Ideen hat für den Sommer, was man mit Kindern und einem einarmigen Banditen anstellen kann, der darf sich gerne bei mir melden.
Ansonsten: Sind wir über den Berg?
Nein, noch nicht.
Die Wunde darf sich nicht entzünden, sonst drohen Hauttransplantationen und im schlimmsten Fall der Verlust des Arms.
Aber ich bete einfach und bleibe positiv.
Meine Frau hat mehr Leben als eine Katze.
Und sie lebt.
Dafür bin ich verdammt dankbar.
Und ich hoffe inständig, dass ihr Schutzengel nicht so bald in Rente geht.
Ich glaube zwar, dass er ziemlich erschöpft ist und Urlaub braucht, aber ich hoffe einfach, dass er erst eine Aufgabe zu Ende bringt, anstatt Sommerferien zu machen.
Jetzt können wir nur abwarten und hoffen.
Den Rest werden die Zeit richten und ein Therapeut.
Denn ich denke, das war beziehungsweise ist eine traumatische Erfahrung.
Sowas muss man nicht mit sich alleine ausmachen und das ist gut so.
In diesem Sinne:
Achtet auf euch.
Seid dankbar für eure Gesundheit oder kleine Wehwehchen.
Und denkt auch an die, die hinter euch stehen und das Rad am Laufen halten und eure Dinge übernehmen, wenn ihr es nicht könnt.
Achtet aufeinander. ❤️
Liebe Grüße
Eure Serina


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