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warum eigentlich?

  • 10. Aug.
  • 7 Min. Lesezeit


Warum ich diese Aktionen mache

In den letzten Tagen wurde ich immer wieder gefragt, warum ich diese Aktionen eigentlich mache. Und natürlich hat das einen Grund. Der ein oder andere mag denken, dass ich das zu Werbezwecken nutze. Und ja, natürlich ist das auch ein Aspekt. Ich wäre unehrlich, wenn ich etwas anderes behaupten würde. Aber tatsächlich ist es der kleinste von allen. Denn im Grunde geht es mir um etwas ganz anderes.

Ich habe lange überlegt, ob ich das öffentlich schreibe. Aber mich hat heute etwas massiv getriggert. Ich wurde innerhalb kurzer Zeit gleich zweimal von Menschen unfair behandelt, die mir nahestehen. Und manchmal gibt es diese Momente, in denen plötzlich ganz viele alte Gedanken wieder hochkommen. Deshalb möchte ich das heute mit euch teilen. Vielleicht auch, um es selbst ein Stück weit zu verarbeiten oder abzuarbeiten. Dieser Blogpost wird, glaube ich, einer der persönlichsten, die ich seit Langem geschrieben habe. Er wird nicht besonders lustig und er soll ganz bestimmt kein Mitleid erregen. Ganz im Gegenteil. Wer also gerade keinen Bock auf etwas Emotionales hat, der muss und sollte das hier nicht lesen.

Meine Aktionen und auch mein Umgang mit gewissen Themen haben einen Grund. Ich tue gerne etwas für die Schwächsten unserer Gesellschaft. Ich gebe Kindern gerne eine Stimme. Ich möchte Tieren helfen, die kein Zuhause mehr haben. Und ich denke an unsere alten Herrschaften in den Heimen, die teilweise langsam vergessen werden und vereinsamen, weil selbst die Betreuung dort kaum noch Zeit für sie hat. Geschenktüten sammeln. Geld für Futter zusammenbekommen. Kindern mit irgendeiner Kleinigkeit die Augen zum Leuchten bringen. Manchmal braucht es gar nicht so viel. Wenn ich irgendwann im Lotto gewinne, verschenke ich meine Arbeit wahrscheinlich einfach. Solange das aber nicht der Fall ist und ich meinen Lebensunterhalt damit finanzieren muss, werde ich eben weiterhin versuchen, solche Aktionen auf die Beine zu stellen. Warum? Weil ich ein guter Mensch sein möchte. Nicht perfekt. Nicht selbstlos. Nicht immer freundlich und ganz sicher nicht fehlerfrei. Einfach ein guter Mensch. Weil ich glaube, dass die Welt ein kleines bisschen freundlicher wird, wenn Menschen sich dafür entscheiden, etwas füreinander zu tun. Selbst wenn es nur für einen kurzen Augenblick ist. Denn jeder schöne Augenblick ist verdammt kostbar.

Eigentlich müsste ich längst im Bett liegen. Um vier Uhr klingelt mein Wecker zur Arbeit. Aber mir schwirrt so viel im Kopf herum und ich weiß ganz genau: Solange ich es nicht zu Papier bringe – digital oder analog –, werde ich sowieso nicht schlafen. Also schreibe ich. Viele von euch kennen mich wahrscheinlich als freche und meistens ziemlich fröhliche Person. Aber es gibt auch eine andere Serina. Eine, die im Nachhinein sehr viel über das nachdenkt, was ihr mir erzählt. Über eure Geschichten, eure Leben und über Dinge, die ihr mir während eines Termins anvertraut. Ich kenne inzwischen so viele Geschichten und Schicksale. Und natürlich bedeutet es mir sehr viel, dass Menschen mir dieses Vertrauen schenken. Heute möchte ich euch deshalb einmal meine Geschichte ein kleines Stück öffnen und erklären, warum mir manche Dinge so wichtig sind. Manche werden sich vielleicht denken: Warum erzählt sie sowas öffentlich? Muss das sein? Ist das nicht peinlich? Wisst ihr was? Das ist mir egal. Denn vielleicht erreicht genau dieser Text jemanden, der etwas daraus mitnehmen kann.

Mein Leben und vor allem meine Kindheit waren geprägt von Gewalt, Alkohol und emotionalem Missbrauch. Von Dingen, die gegen mich, gegen Familienmitglieder und teilweise auch gegen sich selbst gerichtet waren. Alkoholmissbrauch. Suizidversuche innerhalb der Familie. Familienfehden bis aufs Übelste. Meine „Familie“ ist an vielen Stellen wirklich zum Fremdschämen. Vor allem die mütterliche Seite. Der Satz „Du kannst nichts, du bist nichts und du wirst auch nie etwas sein“ hat mich zwölf Jahre meines Lebens aktiv begleitet. Und ja, er begleitet mich irgendwie noch heute. Aber nicht mehr nur im Negativen. Denn irgendwann habe ich gelernt, daraus etwas anderes zu machen. Dieser Satz hat mir einen Ehrgeiz und einen Willen gegeben, eben doch etwas zu sein. Wobei man im Leben eigentlich gar nicht unglaublich viel „sein“ muss. Man muss am Ende vor allem versuchen, ein guter Mensch zu sein.

Bin ich für meine Vergangenheit dankbar? Schwierig. Vielleicht bedingt. Wahrscheinlich bin ich tatsächlich dafür dankbar, dass meine Mutter mich mit zwölf Jahren weggegeben hat. Denn damit kam ich wenigstens raus aus diesem toxischen Desaster. Die Jahre bis zu meinem 16. Lebensjahr wurden dadurch nicht zwangsläufig besser. Sie wurden anders. Mit 16 konnte ich im Heim zum ersten Mal wirklich Luft holen und einigermaßen in Ruhe anfangen, erwachsen zu werden. Aber die Schäden waren längst da.

Und ja, man kann vieles verarbeiten. Mit Therapie. Mit Gesprächen. Mit Reflexion. Mit sehr viel Arbeit an sich selbst. Aber eine Therapie ist kein Radiergummi. Sie löscht nicht einfach aus, was passiert ist. Du lernst vielmehr, damit umzugehen. Dich zu verstehen. Dich anzunehmen. Mit deinen hellen und deinen dunklen Seiten. Aber vergessen wirst du vieles trotzdem nicht. Besonders hart können die Momente sein, in denen du irgendwann Diagnosen bekommst und plötzlich verstehst, dass manche deiner Verhaltensweisen nicht einfach irgendwo aus dem Nichts entstanden sind. Dass Dinge anerzogen wurden. Dass Muster übernommen wurden, bevor du überhaupt begreifen konntest, was da eigentlich passiert. Diese Erkenntnis kann unfassbar wütend machen. Aber genau darin liegt auch eine Chance. Die Chance, bewusst dagegenzuarbeiten. Sich zu weigern, bestimmte Muster weiterzuführen. Sie zu erkennen. Sie zu unterbrechen. Und sie im besten Fall irgendwann zu durchbrechen.

Du wirst in deinem Leben Menschen treffen, die dich weiterbringen. Und Menschen, die dich ausbremsen. Das kann irgendein Mensch sein. Es können Freunde sein. Partner. Familie. Und ja, es können auch die eigenen Eltern sein. Muss man das ertragen, nur weil diese Menschen unsere Erzeuger sind? Nein. Meiner Meinung nach muss man das nicht. Ich darf mich von jedem Menschen lossagen, der mir dauerhaft nicht guttut. Egal, in welcher Beziehung ich zu ihm stehe. Das ganze Leben ist ein Auf und Ab. Und ich werde ganz sicher nicht behaupten, dass aus jeder beschissenen Situation automatisch etwas Wunderbares entsteht. Manche Dinge sind einfach beschissen. Aber wir können entscheiden, was wir danach damit machen.

Man darf Schwächen haben. Man darf Grenzen haben. Und man darf sich dazu entscheiden, nicht mit Menschen zu sein, die genau diese Schwächen gegen einen verwenden. Ja, man kann Menschen nehmen, wie sie sind. Aber das bedeutet nicht, dass man jeden Menschen deshalb auch in seinem Leben behalten muss.

Ich habe in meinem Leben wirklich schaufelweise Dreck gefressen. Bitte entschuldigt die Wortwahl, aber ich kann und will das nicht in blumige Worte verpacken. Es war Dreck. Und trotzdem hat all das aus mir keinen schlechten Menschen gemacht. Nicht, weil das automatisch so passiert wäre. Sondern weil ich mich irgendwann ganz bewusst dagegen entschieden habe. Ich habe mich dagegen entschieden, bitter zu werden. Ich habe mich dagegen entschieden, anderen Menschen das anzutun, was mir angetan wurde. Und ich weigere mich bis heute dagegen, ein Mensch zu sein, der nur an sich selbst denkt.

Vielleicht ist genau das der eigentliche Grund für meine Aktionen. Ich mache sie für die alten Menschen, die mit dafür gesorgt haben, dass wir heute in diesem Land mit vielen Privilegien leben dürfen – auch wenn hier längst nicht alles perfekt ist. Ich mache sie für Tiere, weil mein eigener Hund mir in einer extrem schweren Zeit den Mut gegeben hat, weiterzumachen. Und ich mache sie für Kinder. Weil Kinder unsere Zukunft sind. Weil Erwachsene eine verdammte Verantwortung dafür tragen, was wir ihnen mitgeben. Und weil vielleicht genau ein kleines Erlebnis, ein Mensch, ein Satz oder ein Moment später einen Unterschied machen kann.

Ich kann nicht die Welt retten. Das wäre ziemlich größenwahnsinnig. Aber ich kann entscheiden, was ich in meinem kleinen Teil davon tue. Und wenn ich mit meiner Arbeit Geld sammeln kann, Aufmerksamkeit schaffen kann, einem Kind eine Freude machen kann, einem Tier helfen kann oder einem Menschen für einen Moment das Gefühl geben kann, nicht vergessen worden zu sein, dann möchte ich das tun. Nicht, weil ich ein besonders guter Mensch bin. Sondern weil ich jeden Tag versuche, einer zu sein.

Vielleicht ist das am Ende auch das Einzige, was ich euch mit diesem sehr persönlichen Text sagen möchte: Eure Vergangenheit entscheidet nicht darüber, was für ein Mensch ihr werden müsst. Ihr dürft wütend sein. Ihr dürft verletzt sein. Ihr dürft Narben haben. Ihr dürft Grenzen ziehen. Und ihr dürft euch trotzdem immer wieder dafür entscheiden, etwas Gutes in diese Welt zu bringen. Auch wenn es nur etwas Kleines ist. Denn manchmal ist genau dieses Kleine für jemand anderen ziemlich groß.


Und an die Menschen, die mich und mein Handeln weder sehen noch wertschätzen: Macht ruhig weiter damit. Ja, es verletzt mich. Nein, es prallt nicht einfach an mir ab. Und manchmal würde ich euch am liebsten ins Gesicht schreien und euch vor die Füße spucken. Ganz ehrlich.

Aber ich tue etwas anderes.

Ich rege mich auf. Ich fluche. Ich denke zu viel darüber nach. Dann rege ich mich irgendwann wieder ab, lehne mich zurück und gehe weiter meinen Weg.

Denn eine Sache weiß ich inzwischen ziemlich genau: Ich muss nicht jedes Spiel mitspielen, nur weil jemand anderes es eröffnet hat.

Nennt es Karma, Gewissen oder einfach Konsequenzen des eigenen Handelns – mir ist der Name ziemlich egal. Ich weiß, wie ich mit Menschen umgehe. Ich weiß, was ich versuche, in diese Welt zu geben. Und ich weiß auch, dass mein eigenes Konto in dieser Hinsicht ziemlich gut gefüllt ist.

Das Beste daran ist nicht einmal, irgendwann „Recht zu bekommen“. Das Beste ist, dass ich mich abends selbst im Spiegel ansehen kann.

Ich habe Fehler. Natürlich habe ich die. Jede Menge sogar. Ich verletze Menschen, ich reagiere manchmal falsch, ich bin wütend, unfair oder vorschnell. Der Unterschied ist für mich nur: Ich möchte meine Fehler sehen. Ich setze mich mit ihnen auseinander. Ich entschuldige mich, wenn es nötig ist. Ich versuche, etwas daraus zu lernen.

Und genau deshalb habe ich irgendwann aufgehört, mich an Menschen abzuarbeiten, die lieber Egospiele spielen, Verantwortung von sich schieben oder sich selbst belügen.

Das dürfen sie.

Aber ich muss dabei nicht mitmachen.

 
 
 

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Serina John

Harzstraße 32, Bad Harzburg, Germany

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