Vier Monate zwischen Sauerteig, Tattoo-Tinte und absolut kontrolliertem Chaos
- vor 3 Tagen
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Wenn mir vor vier Monaten jemand gesagt hätte, dass ich irgendwann nachts um halb eins hochkonzentriert vor einem Sauerteig sitzen würde, während parallel Canva abstürzt, der Router blinkt, irgendwo eine halb fertige Tattoo-Komposition offen ist und ich gleichzeitig darüber nachdenke, ob petrolfarbene Pfingstrosen besser zu einem schwarzen Panther passen als dunkle Magnolien, hätte ich vermutlich gesagt, dass diese Person dringend schlafen gehen sollte. Stattdessen wurde genau das mehr oder weniger mein Alltag. Irgendwann fängt man nämlich an zu akzeptieren, dass kreative Menschen kein geordnetes Hobby besitzen, sondern ein dauerhaft loderndes Chaos aus Ideen, Projekten und spontanen Eskalationen.
Eigentlich begann alles noch relativ harmlos. Ich wollte einfach nur Brot backen. Wirklich. Einfach Brot. Dieser Satz wirkt im Nachhinein ungefähr so naiv wie „Ich gucke nur kurz eine Folge“ bei einer neuen Serie. Plötzlich bestand mein Leben aus Begriffen wie Hydration, Stückgare, Peak-Zeit und Coil Folds. Ich fing an, Sauerteig zu beobachten wie andere Leute Aktienkurse. Morgens wurde zuerst kontrolliert, ob der Starter gut aufgegangen war, bevor ich überhaupt darüber nachdachte, wie es mir selbst eigentlich ging. Gleichzeitig entwickelte dieser Teig eine Persönlichkeit, die irgendwo zwischen sensibel, manipulativ und absolut unberechenbar lag. An manchen Tagen wurde daraus ein wunderschönes Brot mit perfektem Ofentrieb und an anderen Tagen stand ich vor einer klebrigen Masse und hinterfragte meine Existenz, obwohl ich exakt dasselbe Rezept benutzt hatte wie am Vortag. Irgendwann besitzt man plötzlich mehr Reismehl als ein durchschnittliches Sushi-Restaurant und diskutiert ernsthaft mit sich selbst darüber, ob die Walnüsse vielleicht noch zwei Grad zu warm waren.
Währenddessen lief natürlich noch der komplette kreative Wahnsinn weiter, denn offenbar reicht ein einziges Projekt meinem Gehirn grundsätzlich nicht aus. Also entwickelte ich Journals, plante neue Tattoo-Konzepte, arbeitete an Malerei-Serien, fotografierte im Regen, überlegte mir Marketingideen und kämpfte mich gleichzeitig durch die emotionalen Abgründe von Amazon KDP. Anfangs klang das alles noch romantisch. Ein eigenes Journal. Schön gestaltet. Kreativ. Künstlerisch. Die Realität bestand allerdings eher aus 700-MB-PDFs, eskalierenden Canva-Dateien und Seiten, die plötzlich so aussahen, als hätten sie während des Exports einen Nervenzusammenbruch bekommen. Nichts bringt einen Menschen schneller an seine Grenzen als die Aussage „Die Datei scheint korrekt zu sein“, obwohl man gleichzeitig genau sehen kann, dass absolut gar nichts korrekt ist. Seite 37 verschiebt sich ins Nirwana, das Cover hat plötzlich die falschen Maße und irgendwo beginnt man ernsthaft darüber nachzudenken, ob mittelalterliche Buchdrucker früher auch einfach alles gegen die Wand werfen wollten.
Parallel dazu lief natürlich weiterhin der Tattoo-Alltag, der für Außenstehende oft nach ein bisschen Zeichnen und Tätowieren aussieht, in Wahrheit aber bedeutet, gleichzeitig Designer, Fotograf, Cutter, Organisationstalent, Kundenberater und manchmal auch emotionaler Krisendienst zu sein. Menschen kommen grundsätzlich nie mit einer kleinen Idee. Niemals. Sie sagen zwar Dinge wie „Ich hätte gern nur etwas Kleines“, aber spätestens fünf Minuten später sprechen wir über symbolische Blumen, persönliche Lebensgeschichten, Tiere mit emotionaler Bedeutung, Familienbezüge und die perfekte Komposition für einen kompletten Arm. Und irgendwo zwischen Motivskizzen, Photoshop-Dateien und Farbreferenzen diskutiert man plötzlich hochkonzentriert über die Platzierung einer einzelnen Pfingstrose, als würde davon die Stabilität des Universums abhängen.
Zwischendurch entschied dann auch noch mein Internetanbieter, dass Stabilität ein völlig optionales Konzept sei. Der Router behauptete stoisch, alles wäre in Ordnung, während gleichzeitig weder Fernseher noch Alexa noch irgendein anderes Gerät funktionierten. Ich stand irgendwann mitten im Wohnzimmer und deaktivierte IPv6 mit derselben emotionalen Verzweiflung wie ein mittelalterlicher Priester bei einem Exorzismus. Gleichzeitig versuchte ich herauszufinden, warum mein WLAN gleichzeitig vorhanden und nicht vorhanden sein konnte. Technisch gesehen war das vermutlich lösbar. Emotional fühlte es sich allerdings an wie ein Bosskampf.
Und obwohl das alles völlig absurd klingt, entstanden genau in diesem Chaos auch die besten Dinge. Zwischen Sauerteiggläsern, Farbcodes, halb fertigen Leinwänden, Tattoo-Ideen, Kameraproblemen, Airfryer-Kartoffeln und offenen Tabs entwickelte sich langsam dieses Gefühl, dass kreative Arbeit nie wirklich ordentlich aussieht. Sie ist laut, chaotisch, manchmal völlig irrational und meistens begleitet von dem konstanten Gedanken, dass man eigentlich schlafen müsste. Aber genau dort passieren eben auch die schönsten Momente. Wenn ein Brot plötzlich perfekt aufgeht. Wenn eine Tätowierung genau den richtigen Flow bekommt. Wenn eine Illustration endlich funktioniert. Wenn eine Idee plötzlich Form annimmt und aus einem Gedanken etwas Echtes wird.
Und vermutlich ist genau das die ehrlichste Zusammenfassung der letzten vier Monate: Es war zu viel, zu laut, zu chaotisch und gleichzeitig genau die Art von kreativem Wahnsinn, die dafür sorgt, dass man trotz allem morgens wieder aufsteht und denkt: „Okay… what´s next?“


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